Die Sucht nach Sorge

"Manchmal habe ich das Gefühl, den Menschen ist einfach nur langweilig. Langweilig von zu viel Haben, zu viel Sein, zu viel Allem. Deswegen suchen sie Probleme, wo keine sind und schaffen Herausforderungen, wo eigentlich Klarheit wäre."

- "Ja, irgendwie ist das wohl so. Auf der anderen Seite werden die Sorgen vieler Menschen so oft kleingeredet, als wären sie nicht echt. Menschen werden nicht ernst genommen, obwohl sie Hilfe brauchen und Depressionen beispielsweise werden als eine Überempfindlichkeit von dünnhäutigen Taugenichtsen abgetan."


So oder so ähnlich lief das innere Gespräch mit mir selbst kürzlich ab, als ich spätabends im Bett lag und mich gefragt habe, warum ich mir eigentlich so oft den Kopf über Dinge zerbreche, über die ich erstens schon mindestens 26938 Mal nachgedacht habe und die zweitens gar nicht so groß sind, wie ich sie mache. "Und dann gibt es da aber auch wieder die Dinge, über die du viel zu wenig nachdenkst. Die viel mehr von deiner Aufmerksamkeit verdienen und im Trubel des Alltags jedes Mal wieder einfach so untergehen".


Ja, ja, ja. Auf der einen Seite sorgen wir uns also tatsächlich - gesellschaftlich vollkommen akzeptiert und sogar gefördert - um allen möglichen Kleinkram, machen aus Sandkörnern Wüstenlandschaften und aus Mücken Elefanten und schaffen es auf der anderen Seite nicht, den wirklichen wichtigen Dingen genug Beachtung zu schaffen. Aber ich persönliche stelle immer fest, dass ich mit zweiterem, der Sorge nämlich, den wichtigen Dingen des Lebens zu wenig Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, ersteres, das ständige Sorgen nämlich, rechtfertige.


Wann immer ich zu dem Schluss komme: "Komm, ist genug jetzt. Du kannst daran nichts ändern und es bringt dich gerade nicht mehr weiter", kommt eine zweite Version von mir um die Ecke und fragt sich, was mit der Welt wohl passieren würde, wenn wir alle so "nachlässig" einfach behaupten würden, dass wir uns nun genug Gedanken gemacht hätten. Es ist ein ewiges Hin und Her, bei dem die Sorge fast immer Überhand gewinnt, weil es sich oft einfach richtig anfühlt, sich Sorgen zu machen.




Mich zu Sorgen bringt mir das Gefühl von Kontrolle, Sicherheit und Überlegenheit. Nicht selten habe ich Dennis während eines Streits gesagt: "Ja, weißt du, warum ich so viele Argumente habe und die noch dazu auch noch richtig gut sind? Weil ich mir tausend Gedanken über diese Sache gemacht habe und das hast du nun einmal nicht!" Und so "gewinne" ich fast jedes Streitgespräch, obwohl es sich natürlich nicht im Entferntesten nach Sieg anfühlt.


Es ist egal, ob es nun um die Partnerschaft, eine Freundschaft, unsere Kinder, den Job oder das Leben im Allgemeinen geht: wir alle fühlen wohl das Gleiche wenn es ums Sorgen geht: wir drehen uns zwar irgendwie im Kreis und es fühlt sich auch nicht sonderlich gut an. Aber hey, immerhin sind wir auf den Worst Case vorbereitet. Wir denken, wir haben die Zügel in der Hand und das Leben kann uns weniger unvorhergesehen treffen. Es geht um Kontrolle. Immer wieder.


In seinem von mir heiß geliebten Buch "Die 4-Stunden-Woche" schreibt Tim Ferris so etwas, wie: "Wir alle wünschen uns Freiheit und Unabhängigkeit, sind aber so überfordert und verängstigt, wenn wir sie dann haben, dass wir sie am liebsten wieder aufgeben würden". Im Buch geht es darum, durch gute Organisation, ein passendes Produkt und viel Delegieren dazu zu kommen, ein Arbeitsleben zu führen, das kaum noch der eigenen Anwesenheit bedarf. Es geht darum, dass die meisten von uns bis zur Rente warten, bis wir uns unsere Lebensträume erfüllen, dass genau das eigentlich aber alles schon viel früher möglich wäre, wenn wir nur vorher mutig genug wären und uns dieser vielen Zeit stellen würden. Denn Zeit zu haben ist nicht immer nur angenehm, irgendwann wird es langweilig und dir fehlen die Menschen, Institutionen und Jobs, die deinem Leben einen Rahmen gaben. Das auszuhalten und trotzdem frei zu sein erfordert Mut, Vertrauen und Geduld.


Und so ertappe ich Dennis und mich dabei, wie wir alles haben, was wir uns vor Jahren so sehnlichst gewünscht und noch dazu für unmöglich gehalten haben und uns dennoch ständig sorgen. Um die Kinder, um die Berufe, um die Zukunft, um die Gesundheit. Wir feiern unsere Siege viel zu wenig und sorgen uns viel zu sehr um Niederlagen, die niemals eintreffen. Und ich ertappe so viele weitere Menschen bei genau dem gleichen Fehler.


Wir erreichen, was wir immer wollten und machen weiter. Einfach so. Als wäre es nicht total verrückt und irre und sowas von würdig zu feiern, dass wir diese Sache nun endlich erreicht haben. Wir machen weiter. Und weiter. Und weiter. Auf dem Weg nach diesem "weiter" und diesem "mehr" sorgen wir uns erneut über den möglichen Verlust, das mögliche Scheitern und das mögliche Ende. Und wenn wir dann wieder einmal erfolgreich sind, merken wir es gar nicht und der Teufelskreis beginnt von vorne. Wir leben und verleben alles in Sorge, in Angst und ständiger vermeintlicher Kontrolle darüber, was uns als nächstes passiert. Wir freuen uns nicht über das, was wir erreichen oder tun es nur kurz. Denn da hinter der Ecke wartet schon die nächste Chance und die nächste Katastrophe. So ein Käse!


Heute Morgen sagte ich zu Dennis deshalb: "Schatz, wir haben alles. Wir haben alles, was wir wollten und noch viel mehr. Wir sind wahnsinnig glücklich und wir erlauben uns jetzt verdammt nochmal, das auch einfach mal zu sein. Das hat nichts mit Hängenlassen oder Aufgeben zu tun. Natürlich wachsen wir weiter. Natürlich haben wir weitere Erfolge und sind in einem Jahr wieder ein Stückchen weiser und stolzer, aber für diesen Moment sind wir mal glücklich. Einfach so."


Und deswegen gibt es heute wieder Marzipantorte. Weil darum. Weil Leben. Weil "Wow, sind wir großartig, was haben wir alles erreicht." Virtuell reiche ich dir ein riesiges Stückchen rüber und bitte dich, dass du dich auch einmal kurz umdrehst und erkennst, wie viele Dinge, du jetzt wirklich besitzt, die du dir früher immer so gewünscht hast. Auf uns!




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