Der Rassismus in mir

Hättest du mich vor circa einer Woche gefragt, ob ich rassistisch bin, hätte ich sofort geschrien: "Nein!" Ich wäre mir sicher gewesen und wäre bei dem Versuch, mich vom Gegenteil zu überzeugen, sicher sehr beleidigt und sehr verletzt und sehr wütend gewesen.


"Ich bitte dich", höre ich die alte Verena denken (die auch jetzt nicht vollständig "neu", "geheilt" und "wissend" ist). "Wenn ich rassistisch bin, was sind denn dann die ganzen anderen? Diese Pegida-Menschen meine ich. Die AfD-Anhänger zum Beispiel. Die, die Menschen auf offener Straße oder hinter verschlossenen Türen demütigen, diskriminieren und für weniger wert halten?"


Jetzt ist das anders. Wie viele andere habe ich diese Woche viel gelernt. Weil ich plötzlich und in wenigen Sekunden begriffen habe, dass ich es auch bin. Rassistisch meine ich. Rassistisch, Rassismus. Das ist, als würde man den Namen desjenigen aussprechen, der nicht genannt werden darf (aber von J.K. Rowling und ihren furchtbaren Ansichten sprechen wir vielleicht wann anders). Worte, die ich niemals mit mir in Verbindung gebracht hätte und es jetzt tue.


Vielleicht kann ich all das jetzt nur sagen, weil es so viele andere mit mir tun. Wahrscheinlich sogar. Hierbei ist nichts mutiges, nichts fortschrittliches. Es ist einfach nur das Mindeste für mich. Und ich schäme mich.


Ich schäme mich, weil ich so reflektiert und so neugierig und so wissbegierig bin und wusste, was passiert. Aber es war nicht mein Problem. Ein Hauch von "Oh Gott, ich kann dieses Leid nicht ertragen", eine Prise von "Was kann ich schon ändern?", ein Schuss "Eigentlich weiß ich gar nichts darüber und kann nicht mitreden" und eine Portion "So ist die Welt halt nun einmal".


Ich habe einfach weitergemacht. Weil es einfacher war. Und ich nicht noch Kapazitäten für das allgegenwärtige und so tiefsitzende Problem namens "Rassismus" hatte. War das wirklich so? Nein, ich habe die falschen Prioritäten gesetzt. War mir einfach nicht wichtig, nicht schmerzhaft genug, schätze ich. "Klimawandel, Corona, die Aufarbeitung meiner Vergangenheit. Sorry Leute, mehr geht nicht. Und dann will ich mir ja auch noch was aufbauen. Mit meiner Familie und im Beruf. Wer hat denn da jetzt auch noch Zeit für ständigen Aktivismus? Sollen die doch lieber erstmal irgendwas machen, die so gar nichts tun." So oder so ähnlich habe ich immer wieder vor mir selbst gerechtfertigt, warum mich das alles einfach nicht so viel angeht. "Ich schaue schon all diese Dokumentationen, lese Bücher, esse kein Fleisch mehr, erziehe meine Kinder freiheitlich. Und jetzt auch noch das. Ich kann nicht mehr." Ich habe gedacht und denke auch jetzt noch, dass ich die Menschen nicht ändern kann. Dass ich das nur für mich selbst tun kann und die Welt dadurch dann zu Besserem inspiriere. Welch ein Privileg so denken zu können.


Ja, ich bin manchmal sehr müde von dieser Welt. Von den ganzen Problemen, von den ganzen Menschen, die beschissene Entscheidungen treffen. Aber ich habe das Privileg, mir auszusuchen, über was ich mir Gedanken mache und habe es ausgenutzt. Ich habe den Mund gehalten, als die Menschen an meinem Tisch von "Zigeunern" und "Kanacken" geredet haben. Ich habe sie danach zwar gemieden, aber habe ihnen nur sehr, sehr zögerlich gesagt, was ich eigentlich von ihnen halte. Ich habe mich mit schuldig gemacht, als ich schlecht über Frauen mit Kopftuch gedacht habe und mich einfach nicht weiter damit beschäftigt habe.


Ich habe mich im Februar 2020 unter Tränen auf meinem Instagram-Kanal dazu geäußert, dass Thomas Kemmerich von der FDP in Thüringen mithilfe der AFD zum Ministerpräsident gewählt werden konnte. Ich war schockiert, fast panisch. Nicht, weil ich keine Ahnung vom Rassismus in Deutschland hatte. Nein, natürlich weil ich genau wusste, was das bedeuten könnte. Was es bedeutete. Ich wusste es, hab geweint und dann wieder weggeschaut. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, ich reagiere überempfindlich, als ich mich damit beschäftigte. Ja, irgendwie war es schon schlimm, klar. Die Zeitungen zumindest hatten drei Tage lang wieder ein Thema, das muss ja was heißen. Aber dann war es vorbei und ich hatte das Gefühl, ich hätte eine gewisse Zeit überschritten und sei jetzt nur noch naiv und dumm, weil ich die Welt einfach nicht so akzeptieren könne, wie sie nun einmal ist. Als sei es tatsächlich etwas ganz natürliches, ganz menschliches, andere Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft oder Religion zu diskreditieren und systematisch zu benachteiligen, zu demütigen und zu töten.


Diesmal nicht. Ich schaue nicht mehr weg. Und das ist viel mehr als ein Versprechen. Es ist ein Gefühl, ein Bewusstsein von ganz tief drinnen. Ein Schalter wurde umgelegt, das spüre ich. Es gibt kein Zurück. Auch jetzt bin ich nicht perfekt. Ich werde noch viele Menschen enttäuschen und vor allem mich. Weil es ein Weg ist, den ich leider erst so spät gehe. Aber wie kann ich denn Selbstliebe zum gesamten Kern meiner Arbeit machen, wie kann ich davon sprechen, dass jedes Problem, das wir auf dieser Erde haben, darauf zurückzuführen ist, dass es uns an Selbstliebe mangelt und dann weiterhin die Augen zumachen?


Nein. Die Kinder in uns allen sehnen sich nach Frieden. Nach Gemeinschaft. Nach Zusammenhalt und nach gleichen Rechten. Und all das kann es nur geben, wenn wir die Augen aufmachen, das gesamte System endlich als das begreifen, was es ist und etwas dagegen tun - möge es auch noch so klein sein.


Folgt BiPOC (Black/IndigenousPeople of Color) auf Instagram, hört euch ihre Geschichten an. Lest Bücher, spendet, beteiligt euch in Organisationen oder auf Protesten. Redet nicht über eure verletzten Gefühle und stellt nicht infrage, dass sich jemand verletzt, beleidigt oder diskriminiert von euch fühlt. Nehmt es an und lernt. Sagt den Menschen vielleicht einfach, was ihr über Rassismus denkt. Sprecht mit eurer Familie darüber. Ganz egal. Nur tut den Menschen um euch herum und auch euch selbst den Gefallen, dass ihr euren Beitrag leistet. Erkennt das Leid an und gebt euer Bestes, um es kleiner werden zu lassen. Das ist jedenfalls das, was ich mir nun zur Aufgabe gemacht habe. Hier ist kein erhobener Zeigefinger, keine Überlegenheit. Vieles, was ich in der letzten Woche auf Instagram geteilt habe, musste ich vor allem auch mir selbst sagen, vorlesen oder einsprechen. Ich bin auf dem Weg, so wie ihr. Ich sage nur: bitte komm' mit auf diesen Weg. Ich werde ihn jetzt gehen solange ich lebe. Ihr werdet es vielleicht nicht immer sehen können, weil ich ihn nicht immer beleuchte, aber ich werde nun immer darauf laufen. Werde lernen. Werde zuhören. Werde verstehen. Und werde mich verändern. Versprochen!

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