Blutende Finger


Ich bin schlecht im Lassen.


Im Loslassen beispielsweise, wenn ich glaube, dass nur Festhalten wirklich hilft.


Im Gehen lassen, wenn ich meine, dass mein Mann nur glücklicher wird, wenn er dieses Problem mit mir durchkaut.


Im Fallen lassen, wenn ich mir nicht sicher bin, ob mein Fallschirm, mein Vertrauen also, groß genug ist.


Im Ruhen lassen, wenn die Arbeit doch gerade so viel Spaß macht.


Im Lassen, lassen, lassen, wenn ich doch so viel lieber machen, machen, machen würde.


Und doch haben mich die vergangenen Wochen genau dazu gezwungen. Mich gezerrt und gezogen, nach anfänglichem leisen Bitten, das natürlich nicht von mir erhört wurde.


Wie auch?


Viel zu groß war der Wunsch nach etwas Anderem. Nach Zeit für mich. Nach Zeit für sie. Nach dem perfekten Maß aus Nähe und Distanz. Eigenständigkeit. Verwirklichung. Nach Alltag. Stinknormaler Gewöhnlichkeit. Nach meiner so lang erkämpften Routine.


Und sofort fällt mir Dieter Lange ein. Er und seine Worte "das Leben will nicht, dass du kämpfst".


Ist das so? Ich dachte, gerade diejenigen die am wildesten kämpfen, am lautesten, am bestimmtesten, sind am Ende diejenigen, die mit dem Gewinn nach Hause gehen. Wie Asterix und Obelix, die sich durch zehn Prüfungen kämpfen mussten, um Gallien vor der Herrschaft Caesars zu retten. Oder Dornröschens Prinz, der sich tausenden von Dornenhecken und am Ende sogar einem feuerspuckendem Drachen stellen musste.


Ich habe mich jedenfalls irgendwann ergeben, habe nicht mehr gegen Ängste, Drachen und mich selbst gekämpft. Ich erinnere mich gar nicht mehr genau, warum eigentlich.


Ich war wohl einfach fertig mit dem Halten, dem Klammern und dem Kämpfen.


Also habe ich losgelassen. Widerwillig. Unter Tränen, ja. Mit großen Zweifeln, weil ich mir nicht erklären konnte, was das wohl alles zu bedeuten haben könnte.


War das alles umsonst? Die Arbeit? Der lange Weg? Ist das, was ich glaubte, so sehr zu wollen, gar nicht das, was ich wirklich brauche? Werde ich wieder dorthin zurückfinden? Ist unser Leben nun so, wie es gerade ist? Für immer? Mit Masken und Sicherheitsabstand? Mit Nähe, die erdrückt und Distanz, die zerschmettert?


Fragen, Fragen, Fragen. Und noch mehr Zweifel.


Irgendwann wurde ich leichter. Je weniger meine Arme hielten und meine Finger festkrallten, umso höher konnte ich fliegen.


Bittersüß war dieses neue Gefühl. Wie eine Trennung, die man zwar für richtig hält, die deswegen jedoch nicht weniger schmerzt.


Ja, Dieter, vielleicht hast du Recht. Manche Dinge lassen sich nicht erkämpfen. An manchen Tagen lässt man los, riskiert zu fallen und ab und an tut man das dann auch. Mit offenen Armen und dem Gesicht zuerst. Bumm!


Manchmal aber auch nicht. Und so ist es mir diesmal glücklicherweise ergangen. Ich bin leichter. Ich schwebe förmlich. Plötzlich ist da wieder so etwas wie Sinn. Eine Struktur, die sich im absoluten Chaos ergeben hat.


Für wie lang? Das weiß ich nicht. Und ja, mich beschleicht auch schon wieder das Bedürfnis nach Festhalten, nach Klammern, wenn ich daran denke, dass es bald wieder vorüber sein könnte. Eine leise Angst, die mit dürren Beinchen, langsam an mir herauf krabbelt. Wird sich das gleiche Spiel also nun immer wiederholen? Klammern, Verzweifeln und Loslassen, Atmen? Klammer, Verzweifeln und Loslassen, Atmen? Ich weiß es nicht.


Dies ist also keine Heldengeschichte, hier gibt es keine glorreichen Siegeshymnen, motivierenden Meisterleistungen und bedeutungsschweren "Die Moral von der Geschicht' "-Konklusionen.


Es gibt nur mich, die dir heute sagt: "Komm, lass los. Ich weiß, du willst es so sehr. Ich weiß, es schmerzt und zerrt an dir. Und genau deshalb lässt du jetzt bitte los. So wie ich. Denn nur dann hast du eine Chance, wieder ein wenig leichter zu werden. Bis es wieder schwerer wird, ja. Das Leben ist ein Herzschlag, erinnerst du dich? Es wird immer rauf und wieder runter gehen." Das mag nicht ermutigend klingen. Vielleicht bedrückt es dich heute genau so, wie es mich an manchen Tagen bedrückt. Aber du darfst deine Vorstellungen loslassen, wenn deine Hände bereits bluten. Du darfst deine Wünsche anpassen, wenn deine Beine vom ständigen Sprint müde geworden sind. Du darfst neue Möglichkeiten suchen, wenn die alten dir keinen Platz mehr zum Atmen lassen. Komm, wir beide machen das jetzt zusammen. Auf drei! Los!


1,...


2,...


2 1/2,...


2 3/4,...


2 7/8,...


(Mann, los jetzt, wir können das. Lass uns einfach etwas Vertrauen haben, dass die Sache schon irgendwie gut ausgehen wird, ok?)


...


3!!!!!!





45 Ansichten
 

©2020 Verena Klindert. Erstellt mit Wix.com